Rund 800.000 Schweizer Staatsbürger leben dauerhaft im Ausland. Das entspricht fast zehn Prozent der Wohnbevölkerung. Wer das Land verlässt, tut es aus ganz unterschiedlichen Gründen: zu hohe Lebenshaltungskosten trotz guter Löhne, der Wunsch nach Wärme und Sonne, steuerliche Überlegungen oder schlicht der Wunsch nach einem anderen Lebensrhythmus. Doch die Entscheidung, die Schweiz zu verlassen, ist leichter getroffen als umgesetzt. Die Wahl des Ziellandes entscheidet darüber, ob das Projekt gelingt oder nach zwei Jahren mit einem teuren Rückzug endet.
Was Auswanderer aus der Schweiz wirklich suchen
Die häufigsten Motive decken sich in Umfragen immer wieder: günstigere Lebenshaltungskosten, ein wärmeres Klima, niedrigere Steuern und eine entspanntere Bürokratie. Dazu kommt bei vielen Pensionierten der Wunsch, das Ersparte weiter zu strecken, ohne auf Komfort zu verzichten. Jüngere Auswanderer hingegen suchen oft flexible Aufenthaltsbedingungen, die mit einem digitalen Beruf oder einer selbständigen Tätigkeit vereinbar sind.
Was dabei oft unterschätzt wird: Die Schweiz hat ein hohes Ausgangsniveau. Gesundheitsversorgung, Infrastruktur und Rechtssicherheit sind weltweit fast unerreicht. Wer auswandert, tauscht nicht nur Vorteile ein, sondern gibt auch etwas ab. Eine nüchterne Bestandsaufnahme vor der Entscheidung spart später Enttäuschungen.
Portugal und Spanien: Beliebt, aber mit Tücken
Portugal war lange das Lieblingsland der Auswanderer aus Nordeuropa. Das NHR-Steuerregime (Non-Habitual Resident) lockte ab 2009 mit pauschalen Steuersätzen von zehn Prozent auf Renten aus dem Ausland. Seit 2024 ist dieses Programm für Neuzuzüger weitgehend abgeschafft. Wer jetzt nach Lissabon oder Porto zieht, zahlt reguläre portugiesische Einkommensteuer. Die kann für mittlere Einkommen bis zu 37 Prozent betragen.
Spanien bietet mit dem sogenannten Beckham-Gesetz eine Alternative für Arbeitnehmer und Selbständige, die nach Spanien berufen werden. Der pauschale Steuersatz liegt bei 24 Prozent auf Einkünfte bis 600.000 Euro. Für Rentner ist das Modell jedoch wenig attraktiv. Hinzu kommen stark gestiegene Immobilienpreise in Madrid und Barcelona sowie ein angespannter Mietmarkt an der Costa del Sol. Wer in Spanien günstig leben möchte, muss bereit sein, in weniger bekannte Regionen auszuweichen.
Zypern und Malta: Steuerlich attraktiv im EU-Raum
Wer innerhalb der Europäischen Union bleiben möchte und gleichzeitig auf steuerliche Vorteile setzt, schaut zunehmend auf den östlichen Mittelmeerraum. Malta und Zypern bieten beide EU-Rechtssicherheit, englischsprachiges Alltagsleben und deutlich niedrigere Lebenshaltungskosten als die Schweiz.
Zypern sticht dabei besonders hervor. Die Körperschaftsteuer liegt bei zwölf Komma fünf Prozent, einer der niedrigsten Sätze in der EU. Für Zuzüger gibt es unter bestimmten Voraussetzungen einen pauschalen Einkommensteuersatz von fünf Prozent auf Renten aus dem Ausland. Wer sich dort niederlässt und die Bedingungen des Non-Dom-Status erfüllt, zahlt keine Dividendensteuer und keine Kapitalertragsteuer auf Wertpapiere. Wer konkrete Informationen zur Lebenssituation vor Ort sucht, findet auf der Seite Wohnen in Zypern einen praxisnahen Überblick zu Kosten, Aufenthaltstiteln und Alltagsfragen. Die Insel hat 320 Sonnentage im Jahr, eine gut ausgebaute Privatmedizin und eine aktive Expat-Community aus Briten, Russen und zunehmend auch Zentraleuropäern.
Malta punktet ebenfalls mit einem Non-Dom-Regime und einer englischsprachigen Verwaltung. Die Insel ist jedoch kleiner, dichter besiedelt und die Immobilienpreise in Valletta und Sliema sind in den letzten fünf Jahren um über 40 Prozent gestiegen. Für Familien kann das ein Hindernis sein.
Thailand und die Ferne: Verlockend, aber komplex
Südostasien zieht vor allem Rentner und digitale Nomaden an. In Chiang Mai oder Phuket lebt man mit 2.500 Franken pro Monat sehr komfortabel. Ein Abendessen im Restaurant kostet zwei bis fünf Euro, ein privates Krankenhausbett erhält man für Preise weit unterhalb schweizerischer Kassensätze.
Die Kehrseite: Thailand kennt kein dauerhaftes Aufenthaltsrecht für gewöhnliche Ausländer. Das Retirement-Visum muss jährlich erneuert werden und setzt ein Mindestvermögen oder ein Mindesteinkommen voraus. Wer ernsthaft krank wird, stösst schnell an Grenzen. Die Pflegeinfrastruktur für chronisch Kranke ist ausserhalb der grossen Städte lückenhaft. Und das Schweizer AHV-Abkommen mit Thailand ist eng begrenzt.
Die steuerlichen Pflichten gegenüber der Schweiz
Ein Punkt, der beim Auswandern oft zu wenig Aufmerksamkeit bekommt: Wer die Schweiz verlässt, muss den Wohnsitz korrekt abmelden und darf keine wirtschaftlichen Anknüpfungspunkte zurücklassen, die einen steuerlichen Wohnsitz begründen. Ein Verwaltungsratsmandat in einer Schweizer AG, eine vermietete Eigentumswohnung oder regelmässige Aufenthalte von mehr als 90 Tagen können dazu führen, dass das Steueramt weiterhin den vollen Zugriff behält.
Wer Vermögen in der Schweiz belässt, muss je nach Wohnsitzland Doppelbesteuerungsabkommen (DBA) prüfen. Die Schweiz hat mit über 100 Ländern entsprechende Abkommen abgeschlossen, aber die Details variieren stark. Mit Zypern besteht seit 2014 ein umfassendes DBA, das unter anderem die Besteuerung von Dividenden und Zinsen regelt.
Drei Fragen vor der Entscheidung
- Gesundheitsversorgung: Kann ich im Zielland eine private Krankenversicherung abschliessen, und zu welchen Kosten? Ab 60 Jahren sind die Prämien in vielen Ländern ausserhalb der EU kaum mehr kalkulierbar.
- Aufenthaltsrecht: Gibt es einen stabilen, verlängerbaren Aufenthaltstitel, der nicht von politischen Entscheidungen abhängt? EU-Länder bieten hier strukturell mehr Sicherheit als Drittstaaten.
- Rückkehroption: Was passiert, wenn das Projekt scheitert? Wer seine Schweizer Wohnung aufgibt, Rentenansprüche auszahlen lässt und einen Hausstand auflöst, hat einen hohen Einsatz auf dem Tisch.
Auswandern aus der Schweiz ist kein Abenteuer, das man von einem langen Wochenende abhängig machen sollte. Wer ein Land ernsthaft in Betracht zieht, verbringt dort idealerweise zwei bis drei Monate auf Probe, bevor rechtliche und finanzielle Entscheidungen getroffen werden. Das schützt vor dem häufigsten Fehler: einem Entscheid auf Basis von Urlaubsgefühlen statt gelebtem Alltag.




