Im Januar 2021 saßen rund 600.000 Haushalte in Texas tagelang ohne Strom. Im Sommer 2023 legten Unwetter in Teilen Norditaliens die Versorgung für 72 Stunden lahm. Die Schweiz gilt als stabil, doch Experten des Bundesamts für wirtschaftliche Landesversorgung halten einen grossflächigen Ausfall von bis zu zehn Tagen für ein realistisches Szenario – verursacht durch Cyberangriffe, extreme Wetterereignisse oder Netzüberlastung im Winter. Wer dann nicht vorbereitet ist, verliert schnell die Kontrolle über Grundbedürfnisse, die sonst selbstverständlich sind.
Warum zehn Tage der richtige Planungshorizont sind
Drei Tage Vorrat empfehlen die meisten Behörden als Mindeststandard. Das reicht für einen lokalen Unterbruch, aber nicht für ein überregionales Ereignis, bei dem Supermärkte leer gekauft, Lieferketten unterbrochen und Reparaturtrupps überlastet sind. Zehn Tage geben genug Puffer, damit Infrastrukturen wieder anlaufen können. Ausserdem zwingt dieser längere Horizont dazu, wirklich vollständig zu planen: Wasser, Wärme, Kommunikation, Hygiene und Medikamente statt nur Konserven ins Regal zu stellen.
Wasser: Die unterschätzte Engpassressource
Ohne Strom laufen Pumpen nicht. In vielen Schweizer Gemeinden hängen die Wassertürme an elektrischen Druckpumpen. Nach einem Ausfall kann der Druck innerhalb von Stunden wegfallen. Die Faustregel lautet vier Liter pro Person und Tag für Trinken und einfaches Kochen. Für minimale Körperhygiene kommen weitere zwei Liter dazu. Bei einer dreiköpfigen Familie ergibt das 180 Liter für zehn Tage.
- Lagerbehälter: Lebensmittelechte 10-Liter-Kanister sind handlich und stapelbar. Grosse 60-Liter-Fässer sparen Platz, sind aber schwer zu transportieren.
- Lagerort: Kühl, dunkel, maximal 20 Grad Celsius. Quellen beschleunigen Keimbildung.
- Rotation: Handelswasser hält originalverschlossen rund zwei Jahre. Selbst abgefülltes Leitungswasser sollte alle sechs Monate getauscht werden.
- Wasserfilter: Ein Keramikfilter oder Tropfen Natriumhypochlorit (Haushaltschlorin, 3 bis 5 Tropfen pro Liter) können Notfallwasser aus der Badewanne trinkbar machen.
Lebensmittel: Kalorien, Kochbarkeit, Komfort
Ein Erwachsener benötigt rund 2.000 Kilokalorien täglich. Für zehn Tage und drei Personen sind das 60.000 Kilokalorien. Das klingt viel, lässt sich aber mit einem überschaubaren Vorrat abdecken, wenn man kalorienreiche Grundnahrungsmittel wählt.
Hülsenfrüchte, Haferflocken, Reis, Hartweizennudeln und Konserven mit Fleisch oder Fisch sind bewährt. Wichtig: Was eingelagert wird, sollte auch ohne Kühlung zubereitet werden können. Ein Campingkocher mit Gaskartuschen oder ein Holzvergaserherd löst das Problem. Zwei 450-Gramm-Kartuschen decken zehn Tage einfaches Kochen für einen Zweipersonenhaushalt ab. Vergessen wird häufig Öl: 500 Milliliter Speiseöl liefern über 4.000 Kilokalorien und verlängert Mahlzeiten geschmacklich erheblich.
Wer sich detailliert vorbereiten möchte, findet auf Seiten wie Notfallvorsorge Tipps strukturierte Übersichten zu Lebensmittelmengen, Haltbarkeiten und Bezugsquellen für Langzeitvorräte.
Technik und Kommunikation ohne Netzstrom
Mobilfunkmasten haben Notstromaggregate, aber nur für 24 bis 72 Stunden. Danach bricht die Netzabdeckung flächig zusammen. Wer ausschliesslich auf das Smartphone setzt, hat dann kein Kommunikationsmittel mehr.
- Kurbelradio oder Solarradio: Empfängt Behördeninformationen auf DAB+ und UKW, braucht keinen Strom aus der Steckdose. Modelle mit integrierter Taschenlampe kosten zwischen 30 und 60 Franken.
- Powerbank (grosse Kapazität): 20.000 mAh lädt ein Smartphone rund fünf bis sechs Mal. Vorher vollständig laden und halbjährlich nachladen.
- Solarpanel (faltbar): 20 bis 40 Watt reichen, um Powerbanks und kleine Geräte tagsüber zu versorgen.
- Wichtige Nummern ausgedruckt: Notruf, Hausarzt, Verwandte, Nachbarn. Digitale Kontakte sind nutzlos, wenn der Akku leer ist.
Wärme, Licht und Hygiene
Im Winter kann ein Stromausfall lebensbedrohlich werden, wenn die Heizung elektrisch betrieben wird. Wer eine Ölheizung mit elektrischer Steuerung hat, verliert ebenfalls die Heizfunktion. Erste Massnahme: Räume zusammenlegen. Eine Person produziert etwa 80 Watt Körperwärme. Vier Personen in einem kleinen Zimmer mit gut isolierter Tür halten die Temperatur erstaunlich lange aufrecht.
Schlafsäcke mit Komfortzone unter null Grad sind sinnvoller als mehrere dünne Decken. Ein Petroleumofen oder ein zertifizierter Gasofen mit Abgasführung kann Wohnräume beheizbar halten, erfordert aber strikte Lüftungsdisziplin.
Für Licht gilt: Stirnlampen sind praktischer als Taschenlampen, weil beide Hände frei bleiben. Pro Person mindestens zwei Sätze Ersatzbatterien. Kerzen sind eine Ergänzung, aber nie unbeaufsichtigt brennen lassen.
Hygiene wird im Notfallplan oft vernachlässigt. Toiletten funktionieren bei Druckverlust im Netz nicht mehr. Ein Campingklo mit kompostierbaren Beuteln oder eine einfache Eimerlösung mit Hygranegranulat ist keine Übertreibung, sondern eine realistische Vorbereitung.
Organisation: Wer macht was, wo ist was
Technik und Vorräte nützen wenig, wenn niemand weiss, wo sie sind oder wer im Ernstfall welche Aufgabe übernimmt. Eine kurze schriftliche Checkliste pro Haushaltsmitglied, laminiert oder in einer wasserdichten Hülle, schlägt jede App. Sie sollte folgende Punkte abdecken:
- Standort aller Notfallmaterialien (Stockwerk, Schrank, Behälter)
- Abschaltreihenfolge für Gas, Wasser, Sicherungskasten
- Treffpunkt für Familienmitglieder, falls Mobilfunk ausfällt
- Medikamentenliste mit Lagerort und nächstem Nachfüll-Datum
- Kontakt zur Nachbarschaft: Wer braucht Hilfe, wer kann Hilfe geben?
Gerade der letzte Punkt wird unterschätzt. In Zürich ergab eine Umfrage, dass rund 60 Prozent der Befragten die Namen ihrer direkten Nachbarn nicht kennen. Im Krisenfall ist das Netz der direkten Umgebung aber oft die erste und verlässlichste Hilfsstruktur, lange bevor organisierte Unterstützung eintrifft.
Einmal im Jahr überprüfen
Notfallvorräte veralten. Batterien verlieren Kapazität, Konserven überschreiten ihr Mindesthaltbarkeitsdatum, Gaspatronen werden undicht. Ein fixer Kontrolltermin, zum Beispiel jeweils im Oktober vor dem Winter, stellt sicher, dass alles funktioniert, wenn es gebraucht wird. Wer den Aufwand scheut: Eine vollständige Kontrolle eines durchschnittlichen Haushalts dauert maximal zwei Stunden im Jahr. Das ist wenig im Verhältnis zur Sicherheit, die es schafft.
Vorbereitung auf einen Stromausfall ist kein Ausdruck von Panikmache, sondern ein Zeichen praktischer Eigenverantwortung. Wer zehn Tage überbrücken kann, entlastet gleichzeitig die öffentlichen Strukturen und bleibt im Ernstfall handlungsfähig.




