Wer vor zehn Jahren Aktien kaufen wollte, brauchte ein Depot bei einer Filialbank, bezahlte 10 bis 20 Euro pro Order und wartete mitunter einen Werktag auf die Ausführung. Heute genügen drei Minuten Smartphone-Zeit, und eine Order kostet bei einigen Anbietern genau einen Euro. Neobroker haben den Zugang zum Kapitalmarkt demokratisiert. Doch der Preiskampf verdeckt teils erhebliche Unterschiede, die vor allem Anleger in Deutschland, Österreich und der Schweiz kennen sollten.
Was Neobroker von klassischen Onlinebrokern unterscheidet
Der Begriff ist nicht geschützt, wird aber konsistent für Plattformen verwendet, die auf ein schlankes App-Erlebnis, sehr niedrige Ordergebühren und den Verzicht auf Filialstruktur setzen. Klassische Onlinebroker wie comdirect oder die Direktbank ING bieten dagegen Telefon-Support, breitere Produktpaletten und oft auch Tagesgeld oder Baufinanzierungen im Paket. Neobroker konzentrieren sich auf das Wesentliche: Aktien, ETFs, manchmal Derivate.
Das Geschäftsmodell funktioniert über sogenanntes Payment for Order Flow (PFOF), also Vergütungen von Handelsplätzen dafür, dass Ordervolumen dorthin geleitet wird, sowie über Zinserträge auf Kundenguthaben. Die EU hat PFOF seit März 2024 schrittweise eingeschränkt, was einige Anbieter zwingt, ihre Ertragsmodelle anzupassen. Wer heute einen Neobroker wählt, sollte deshalb nicht nur auf den Listenpreis schauen.
Die größten Anbieter im DACH-Raum
Trade Republic ist nach eigenen Angaben mit über acht Millionen Kunden der größte Neobroker im deutschsprachigen Raum. Orders kosten pauschal einen Euro, Sparpläne sind kostenlos. Seit 2023 bietet Trade Republic auch ein Tagesgeldkonto mit zunächst vier Prozent Zinsen p.a. an, was die Plattform über die reine Brokerage-Funktion hinaus relevant macht. Der Handelsplatz ist ausschließlich LS Exchange, was die Preisqualität bei illiquideren Titeln einschränkt.
Scalable Capital aus München verfolgt ein anderes Modell: Es gibt einen kostenlosen Zugang mit 0,99 Euro pro Order sowie ein Abo-Modell (Prime Broker) für 4,99 Euro monatlich, das unlimitierte Trades beinhaltet. Für aktive Trader mit mehr als fünf Orders pro Monat rechnet sich das Abo. Scalable nutzt Baader Bank als Handelspartner und bietet Zugang zu Xetra, was für viele Anleger ein Qualitätsmerkmal ist.
flatex richtet sich eher an erfahrenere Anleger. Ordergebühren liegen bei 5,90 Euro plus 0,4 Prozent vom Kurswert (mindestens 5,90 Euro), also deutlich höher als bei den reinen Neobrokern. Dafür gibt es Zugang zu mehr Handelsplätzen, Optionsscheine und Zertifikate, und die Plattform ist seit Jahren etabliert. Für Einsteiger, die monatlich einen ETF besparen, ist flatex aber schlicht zu teuer.
In der Schweiz ist die Situation strukturell anders. Neon und Yapeal bieten kombinierte Konten mit Depotfunktion, sind aber funktional eingeschränkt. Swissquote bleibt die dominante Plattform für ernsthafte Anleger, mit Mindestgebühren ab neun Franken pro Order. Echte Neobroker nach deutschem Muster gibt es in der Schweiz kaum, auch weil regulatorische Anforderungen und Währungsproblematik den Markteintritt erschweren.
Österreich: ein eigener Markt mit eigenen Regeln
Österreichische Anleger haben lange Zeit vor allem auf easybank oder die heimischen Filialbanken gesetzt. Inzwischen sind Trade Republic und Scalable Capital auch in Österreich aktiv und vollständig reguliert. Steuerlich gibt es jedoch einen wichtigen Unterschied: Österreich erhebt 27,5 Prozent Kapitalertragsteuer (KESt), die bei inländischen Instituten automatisch abgeführt wird. Bei ausländischen Brokern müssen Anleger die Steuer selbst in der Steuererklärung angeben, was Aufwand bedeutet. Das ist kein Argument gegen Neobroker, aber ein Argument für sorgfältige Buchführung.
Worauf es beim Vergleich wirklich ankommt
Ordergebühren sind das offensichtlichste Kriterium, aber nicht das entscheidende. Wer einen ETF-Sparplan einrichtet und ihn jahrelang laufen lässt, zahlt bei den meisten Neobrokern ohnehin null. Relevanter sind dann folgende Punkte:
- Handelsplätze: Wer nur über eine Partnerbörse handeln kann, hat keinen Einfluss auf den Spread. Bei US-Aktien außerhalb der Handelszeiten kann das teuer werden.
- Verwahrung: Wertpapiere sollten als Sondervermögen verwahrt werden, was in Deutschland und Österreich gesetzlich vorgeschrieben ist. In der Schweiz gilt das ebenfalls, aber die genauen Bedingungen variieren je nach Institut.
- Zinsen auf Guthaben: Trade Republic zahlt derzeit Zinsen auf nicht investiertes Kapital. Das klingt attraktiv, sollte aber nicht Hauptmotiv für die Brokerwahl sein.
- Steuerreporting: Inländische Broker liefern eine fertige Steuerbescheinigung. Bei ausländischen Plattformen, die in Deutschland tätig sind, ist das ebenfalls Pflicht. Trotzdem variiert die Qualität der Dokumentation erheblich.
- Produktpalette: Wer Optionen, physisches Gold oder außerbörsliche Anleihen handeln möchte, stößt bei Neobrokern schnell an Grenzen.
Für einen strukturierten Überblick über aktuelle Konditionen lohnt sich ein Blick auf einen unabhängigen Broker-Vergleich, der Gebührenstrukturen, Handelsplätze und Zusatzleistungen systematisch gegenüberstellt.
Für wen sich welcher Anbieter eignet
Ein pauschales Urteil ist kaum möglich, weil die Anforderungen zu unterschiedlich sind. Als grobe Orientierung gilt:
| Anlegertyp | Geeignete Anbieter | Weniger geeignet |
|---|---|---|
| ETF-Sparplan-Einsteiger | Trade Republic, Scalable Free | flatex, Swissquote |
| Aktiver Trader (10+ Orders/Monat) | Scalable Prime, flatex | Trade Republic |
| Anleger mit Schweizer Wohnsitz | Swissquote, neon (einfache Bedürfnisse) | Trade Republic (eingeschränkte CH-Verfügbarkeit) |
| Österreichischer Anleger, steuerlich unkompliziert | Trade Republic, Scalable | Ausländische Plattformen ohne KESt-Abzug |
Ein Markt im Wandel
Neobroker sind kein vorübergehender Trend. Sie haben den Markt dauerhaft verändert, und klassische Anbieter haben reagiert: Die comdirect hat ihre Sparplan-Konditionen mehrfach gesenkt, die ING bietet kostenlose ETF-Sparpläne an. Der Wettbewerb wirkt, und das kommt Anlegern zugute.
Gleichzeitig stehen einige Geschäftsmodelle unter Druck. Das PFOF-Verbot in der EU zwingt zur Neuausrichtung. Trade Republic hat bereits angekündigt, stärker auf Zinseinnahmen und Premium-Funktionen zu setzen. Wer heute ein Depot eröffnet, sollte deshalb nicht nur schauen, was ein Anbieter heute kostet, sondern ob das Modell mittelfristig stabil ist.
Letztlich gilt für Neobroker dasselbe wie für jedes Finanzprodukt: Die günstigste Option ist die, die zu den eigenen Anlagezielen, dem Handelsverhalten und dem steuerlichen Umfeld passt. Wer das einmal sorgfältig analysiert, muss danach nicht mehr darüber nachdenken.



