Warum Grenzregionen für KMU wieder interessant werden
Wer ein kleines oder mittleres Unternehmen führt, denkt bei der Standortwahl selten zuerst an die Peripherie. Ballungszentren wie Zürich, Frankfurt oder Wien dominieren das Bild. Dabei zeigen aktuelle Daten, dass Grenzregionen in der Schweiz, Deutschland und Österreich seit 2023 wieder deutlich an Attraktivität gewonnen haben. Gewerbeflächen in Grenzlagen kosten je nach Region zwischen 30 und 60 Prozent weniger als in städtischen Zentren. Gleichzeitig ermöglichen funktionierende Pendlerströme den Zugriff auf zwei nationale Arbeitsmärkte gleichzeitig.
Das ist kein Zufall. Die Infrastruktur entlang etablierter Grenzkorridore, etwa am Oberrhein, im Dreieck Basel-Freiburg-Mulhouse oder im Bodenseeraum, hat sich in den letzten Jahren erheblich verbessert. Schnelle Bahnverbindungen, digitale Verwaltungsverfahren und koordinierte Gewerbezonen senken die Transaktionskosten für Unternehmen, die grenzüberschreitend tätig sein wollen.
Konkrete Förderprogramme: Was 2026 verfügbar ist
Für KMU mit Sitz in einer Grenzregion bestehen mehrere Fördertöpfe, die in der Praxis oft zu wenig genutzt werden. Der wichtigste auf europäischer Ebene ist das Programm Interreg VI-A. Es fördert grenzüberschreitende Zusammenarbeit in Bereichen wie Innovation, Klimaanpassung und nachhaltige Mobilität. Im Programmraum Oberrhein stehen bis 2027 rund 76 Millionen Euro bereit, davon ein erheblicher Anteil für wirtschaftliche Entwicklungsprojekte kleiner Betriebe.
- Interreg VI-A Oberrhein: Förderquoten von bis zu 50 Prozent der förderfähigen Kosten für grenzüberschreitende Kooperationsprojekte.
- Interreg VI-A Bodensee: Schwerpunkte Innovation und KMU-Vernetzung, Projektvolumina ab 50.000 Euro möglich.
- Schweizer Regionalpolitik (NRP): Bundesbeiträge für Standortentwicklung in Berggebieten und weiteren Förderregionen, ergänzt durch kantonale Kofinanzierung.
- EFRE-Förderung in deutschen Grenzregionen: Etwa in Sachsen oder dem Saarland fördern Länder mit EU-Mitteln gezielt Betriebserweiterungen und Digitalinvestitionen in strukturschwachen Grenzlagen.
Entscheidend ist jeweils die Förderfähigkeit des Standorts. Ob ein Betrieb in einer anerkannten Förderregion liegt, lässt sich über die zuständigen Regionalentwicklungsagenturen und Wirtschaftsfördergesellschaften klären, was in der Praxis oft der erste sinnvolle Schritt ist.
Netzwerke nutzen: Von Euro Districts bis Handelskammern
Neben der Projektförderung sind gewachsene Netzwerkstrukturen ein handfester Standortvorteil. Im Bodenseeraum koordiniert die Internationale Bodensee-Konferenz (IBK) wirtschaftliche und infrastrukturelle Themen zwischen vier Ländern. Am Oberrhein existiert seit 1975 der Oberrheinrat als politisches Gremium, flankiert von der Trinationalen Metropolregion Oberrhein, die gezielt Unternehmen und Institutionen vernetzt.
Für Unternehmer, die sich einen systematischen Überblick über bestehende Strukturen und Ansprechpartner in europäischen Grenzgebieten verschaffen wollen, lohnt sich der Blick auf spezialisierte Verzeichnisse und Netzwerkplattformen, die Organisationen, Kammern und Förderinstitutionen grenzübergreifend bündeln. Der direkte Kontakt zu den zuständigen Industrie- und Handelskammern beiderseits der Grenze ist erfahrungsgemäß schneller und ergiebiger als der Weg über nationale Behörden.
Konkret empfiehlt sich für Schweizer KMU mit Interesse an der deutschen Seite ein früher Kontakt zur IHK Hochrhein-Bodensee oder zur IHK Südlicher Oberrhein. Beide unterhalten eigene Abteilungen für grenzüberschreitende Wirtschaftsfragen und können Anfragen meist innerhalb weniger Tage vorqualifizieren.
Arbeitsmarkt und Fachkräfte: Der unterschätzte Vorteil
Ein struktureller Vorteil von Grenzstandorten, der in Standortdebatten oft untergeht, ist der Zugang zu zwei nationalen Arbeitsmärkten. Im Dreiländereck Basel-Mulhouse-Freiburg pendeln täglich rund 80.000 Arbeitnehmer über die Grenze. Unternehmen, die dort ansässig sind, können je nach Bedarf auf französische, deutsche oder Schweizer Fachkräfte zugreifen, auch wenn die Lohnstruktur und das Arbeitsrecht je nach Einsatzort variieren.
Das schafft Flexibilität, erfordert aber auch klare Prozesse. Wer grenzüberschreitend einstellt, muss Sozialversicherungspflichten, Entsenderegeln und steuerliche Ansässigkeitsfragen im Blick behalten. Spezialisierte Beratungsstellen wie das Informationszentrum INFOBEST oder die Eures-Netzwerkstellen helfen hier gezielt weiter und bieten teils kostenfreie Erstberatungen an.
Typische Branchen und Erfolgsbeispiele
Welche Branchen profitieren konkret? Folgende Sektoren sind in Grenzregionen erfahrungsgemäß besonders gut aufgestellt:
- Präzisionsmechanik und Zulieferer: Starke Tradition am Hochrhein und in der Ostschweiz, kurze Lieferwege in beide Richtungen.
- IT und Software: Digitale Dienstleistungen sind standortunabhängig skalierbar, günstigere Mietkosten an der Grenze senken das Overheadrisiko.
- Gesundheitsdienstleistungen: Grenzübergreifende Patientenversorgung und Kooperationen zwischen Kliniken und Pflegeeinrichtungen sind im Bereich Bodensee-Oberschwaben bereits gelebte Praxis.
- Logistik und Handel: Zolllager und Umschlagspunkte in Grenznähe bieten steuerliche und logistische Effizienzvorteile.
Ein konkretes Beispiel: Ein mittelständischer Maschinenbaubetrieb mit Sitz in Schaffhausen und einem deutschen Vertriebsbüro in Singen konnte zwischen 2022 und 2024 seinen Personalstamm um 18 Mitarbeitende erweitern, weil er gezielt deutsche Fachkräfte mit Grenzgängerstatus rekrutierte. Die Interreg-Förderung eines gemeinsamen Ausbildungsprojekts mit einer deutschen Berufsschule übernahm dabei 45 Prozent der Entwicklungskosten.
Was KMU jetzt konkret tun sollten
Wer als Unternehmer von den Vorteilen einer Grenzlage profitieren will, sollte nicht auf günstige Gelegenheiten warten. Interreg-Programmperioden laufen bis 2027, doch gute Projekte brauchen Vorlaufzeit. Erfahrungsgemäß dauert es von der ersten Projektidee bis zur Bewilligung im Schnitt sechs bis zwölf Monate.
Drei konkrete Schritte bieten sich an. Erstens: Regionale Wirtschaftsförderung kontaktieren und Förderfähigkeit des eigenen Standorts prüfen lassen. Zweitens: Einen potenziellen Kooperationspartner jenseits der Grenze identifizieren, da Interreg-Projekte zwingend mindestens zwei Partner aus zwei Ländern benötigen. Drittens: Rechts- und Steuerberatung mit grenzüberschreitender Kompetenz einbinden, bevor Verträge oder Personalentscheidungen getroffen werden.
Grenzregionen sind kein Ausweichstandort für Unternehmen, die es woanders nicht geschafft haben. Für KMU, die internationale Märkte erschließen, Fachkräfte flexibel einsetzen und Fördergelder nutzen wollen, sind sie 2026 eine der interessantesten Optionen in der Schweiz und im angrenzenden Europa.




