Wer ein kleines oder mittleres Unternehmen führt, denkt meistens zuerst an Umsatz, Liquidität und das nächste Quartal. Die eigene Altersvorsorge rutscht dabei regelmässig ans Ende der To-do-Liste. Das ist nachvollziehbar, aber riskant. Denn anders als Angestellte profitieren viele KMU-Inhaber nicht automatisch von einer vollständigen Pensionskassenabdeckung, und das staatliche System allein reicht in der Schweiz kaum aus, um den gewohnten Lebensstandard im Alter zu halten.
Das Dreisäulensystem und seine Lücken für Selbstständige
Das Schweizer Vorsorgesystem basiert auf drei Säulen: AHV, berufliche Vorsorge (BVG) und private Vorsorge. Für Angestellte greift dieses System weitgehend automatisch. Für selbstständig erwerbende KMU-Inhaber sieht die Realität anders aus.
Selbstständige sind zwar obligatorisch AHV-pflichtig, doch die maximale AHV-Rente liegt 2024 bei 2’450 Franken pro Monat. Das deckt nicht einmal die Hälfte eines durchschnittlichen Schweizer Haushaltsbudgets. Die zweite Säule ist für Selbstständige freiwillig. Viele verzichten darauf, weil die Beiträge zunächst wie ein weiterer Kostenfaktor wirken. Das rächt sich später: Wer über 30 Jahre hinweg keine Pensionskassengelder angespart hat, steht im Alter vor einer erheblichen Einkommenslücke.
Hinzu kommt ein oft unterschätzter Faktor: Viele KMU-Inhaber rechnen damit, ihr Unternehmen später verkaufen zu können, um daraus die Altersvorsorge zu finanzieren. Das funktioniert in der Praxis seltener als erwartet. Käufer sind schwer zu finden, Bewertungen fallen niedriger aus als erhofft, und Verkaufsprozesse ziehen sich oft über Jahre hin.
Säule 3a: Der erste konkrete Schritt
Die gebundene Selbstvorsorge nach Säule 3a ist für KMU-Inhaber der zugänglichste Einstieg. Selbstständige ohne Pensionskasse dürfen bis zu 20 Prozent ihres Nettoerwerbseinkommens einzahlen, maximal 35’280 Franken pro Jahr (Stand 2024). Das ist deutlich mehr als der maximale Betrag für Angestellte mit Pensionskasse (7’056 Franken).
Wer früh beginnt, profitiert erheblich vom Zinseszinseffekt. Ein KMU-Inhaber, der ab dem 35. Lebensjahr jährlich 20’000 Franken in ein 3a-Wertschriftendepot einzahlt und eine durchschnittliche Jahresrendite von 4 Prozent erzielt, hat bis zum Rentenalter 65 knapp 1,1 Millionen Franken angespart. Zusätzlich spart er jährlich Einkommenssteuer, weil 3a-Einzahlungen vom steuerbaren Einkommen abgezogen werden können.
Mehrere Konten für gestaffelte Bezüge
Ein praxisnaher Tipp: Wer mehrere Säule-3a-Konten führt, kann beim Bezug zeitlich staffeln und so die Steuerlast beim Kapitalbezug senken. Statt alles in einem Jahr zu beziehen und in eine hohe Steuerprogression zu rutschen, verteilt man die Bezüge auf mehrere Jahre. Das ist legal und weit verbreitet, wird aber von vielen KMU-Inhabern nicht genutzt.
Kapitallebensversicherung als Kombilösung
Neben der Säule 3a gibt es ein Instrument, das Vorsorge und Risikoabsicherung verbindet. Eine Vorsorge durch Kapitallebensversicherung sichert gleichzeitig das Todesfallrisiko ab und baut über die Vertragslaufzeit Kapital auf, das beim Ableben oder bei Vertragsende ausgezahlt wird.
Für KMU-Inhaber ist das besonders relevant, wenn die Familie finanziell vom Unternehmen abhängt. Stirbt der Inhaber, bricht nicht nur das Einkommen weg, oft gerät auch der Betrieb in Schieflage. Eine Kapitallebensversicherung stellt sicher, dass Hinterbliebene nicht sofort unter Verkaufsdruck stehen. Typische Laufzeiten liegen zwischen 10 und 30 Jahren, die Prämien sind abhängig von Alter, Gesundheitszustand und Versicherungssumme. Ein 40-jähriger nicht rauchender Mann zahlt für eine Versicherungssumme von 300’000 Franken bei 20 Jahren Laufzeit je nach Anbieter zwischen 200 und 400 Franken monatlich.
Einkauf in die Pensionskasse: oft unterschätzt
Selbstständige, die sich einer anerkannten Vorsorgeeinrichtung anschliessen, können sich in die zweite Säule einkaufen. Die Auffangeinrichtung BVG und verschiedene Branchen-Sammelstiftungen stehen auch Selbstständigen offen. Ein gezielter Einkauf kurz vor der Pensionierung kann erhebliche Steuerersparnisse bringen, da Einkaufsbeiträge vollständig vom steuerbaren Einkommen abziehbar sind.
Wichtig dabei: Zwischen dem Einkauf und dem Kapitalbezug müssen mindestens drei Jahre liegen, sonst verweigert die Steuerbehörde den Abzug. Wer plant, mit 63 in Rente zu gehen, sollte spätestens mit 60 einzahlen. Ein Steuerberater mit Spezialisierung auf KMU lohnt sich hier unbedingt.
Übersicht: Instrumente und ihre Merkmale
| Instrument | Steuerliche Wirkung | Liquidität | Risikoschutz |
|---|---|---|---|
| Säule 3a (Bank) | Hoch | Niedrig (gebunden) | Kein |
| Säule 3a (Wertschriften) | Hoch | Niedrig (gebunden) | Kein |
| Kapitallebensversicherung | Mittel | Gering | Todesfall, Invalidität |
| BVG-Einkauf | Sehr hoch | Sehr gering | Über Pensionskasse |
| Freie Anlage (ETF, Aktien) | Gering | Hoch | Kein |
Vorsorge braucht einen Plan, keine Zufallsentscheide
Was viele KMU-Inhaber unterschätzen: Die Vorsorge sollte nicht aus Einzelprodukten bestehen, die zu verschiedenen Zeitpunkten aus unterschiedlichen Anlässen abgeschlossen wurden. Sie braucht eine Gesamtstrategie, die auf das Rentenalter, den geplanten Unternehmensverkauf oder die Nachfolge und die persönliche Risikobereitschaft abgestimmt ist.
Ein einfaches Beispiel zeigt den Unterschied: Ein Unternehmer, der 15 Jahre lang jährlich 15’000 Franken unstrukturiert auf ein Sparkonto einzahlt, hat nominal 225’000 Franken. Wer dieselbe Summe strukturiert auf Säule 3a, Pensionskasseneinkauf und einen ETF-Sparplan verteilt, kann durch Steuerersparnisse und Rendite auf deutlich über 350’000 Franken kommen. Ohne Mehraufwand, nur durch bessere Struktur.
Der richtige Zeitpunkt für die Auseinandersetzung mit der eigenen Vorsorge ist nicht kurz vor der Pensionierung. Er ist jetzt. KMU-Inhaber, die heute mit 45 anfangen, haben noch 20 Jahre Ansparzeitraum und genug Flexibilität, um Fehler zu korrigieren. Wer erst mit 58 beginnt, hat kaum noch Gestaltungsspielraum. Die Struktur des Schweizer Vorsorgesystems bietet echte Möglichkeiten, sie müssen nur aktiv genutzt werden.




