Jedes Jahr entscheiden sich in Deutschland tausende Frauen dafür, ihre Brustimplantate wieder entfernen zu lassen. Die Gründe dafür sind vielschichtig: medizinische Komplikationen, persönliche Präferenzänderungen, Kapselfibrose oder die Diskussion um das sogenannte Breast Implant Illness-Syndrom. Was dabei oft unterschätzt wird: Eine Explantation ist kein kleinerer Eingriff als die ursprüngliche Augmentation. Sie erfordert gründliche Vorbereitung, sorgfältige Auswahl des Operateurs und ein realistisches Bild von dem, was danach zu erwarten ist.
Warum Frauen ihre Implantate entfernen lassen
Die häufigste medizinische Indikation für eine Explantation ist die Kapselfibrose. Dabei bildet der Körper rund um das Implantat eine bindegewebige Kapsel, die sich verhärtet und das Implantat zusammenpresst. Je nach Schweregrad führt das zu Schmerzen, sichtbaren Verformungen und eingeschränkter Beweglichkeit. Das klassische Einteilungssystem nach Baker unterscheidet vier Grade, wobei Grad III und IV in der Regel operativen Handlungsbedarf bedeuten.
Ein weiterer Grund ist das Implantatruptur: Ältere Silikonimplantate der Generation vor 1992 gelten als deutlich anfälliger. Aber auch neuere Modelle können nach zehn bis fünfzehn Jahren Gebrauch Materialermüdung zeigen. Bei einem stillen Riss bleibt das Silikongel zwar zunächst in der Kapsel, doch langfristig kann es migrieren. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte stuft Brustimplantate als Medizinprodukte der Risikoklasse III ein und hat zuletzt die Anforderungen an Hersteller und Nachverfolgung deutlich verschärft.
Daneben gibt es Frauen, die aus rein persönlichen Gründen eine Explantation wünschen: geänderter Lebensstil, Beschwerden ohne klar nachweisbare Ursache oder schlicht das Gefühl, mit dem eigenen Körper wieder in Einklang kommen zu wollen.
Die Operationsverfahren im Überblick
Grundsätzlich unterscheiden Chirurgen zwischen der einfachen Implantatentfernung und der sogenannten En-bloc-Resektion. Bei der En-bloc-Technik wird das Implantat mitsamt der umgebenden Kapsel in einem Stück herausgeschält, ohne dass die Kapsel eröffnet wird. Befürworter sehen darin eine Möglichkeit, eine mögliche Streuung von Silikonpartikeln zu minimieren. Wissenschaftlich belastbar belegt ist der Vorteil gegenüber einer sorgfältig durchgeführten kompletten Kapsulektomie bislang nicht, doch viele Patientinnen bevorzugen dieses Vorgehen aus Sicherheitsgründen.
Wenn Implantate über lange Jahre gut vertragen wurden und die Kapsel dünn und unauffällig ist, reicht manchmal eine einfache Entfernung ohne vollständige Kapselentfernung aus. Ob ein Implantatwechsel direkt im selben Eingriff stattfindet oder ob man zunächst einige Monate wartet, hängt vom Befund ab. Bei Infektionen oder starker Fibrose empfehlen die meisten Chirurgen, zunächst ohne neues Implantat zu operieren.
Wann bleibt nur die Entfernung
Es gibt Situationen, in denen ein Tausch oder eine konservative Behandlung schlicht keine Option mehr ist. Gerade bei fortgeschrittener Kapselfibrose, rezidivierenden Infektionen oder Implantatrupturen mit Gewebereaktionen bleibt manchmal nur die Entfernung der Silikonimplantate als medizinisch sinnvoller Schritt. Auch beim seltenen, aber ernstzunehmenden Breast Implant-Associated Anaplastic Large Cell Lymphoma (BIA-ALCL) ist die vollständige Entfernung mitsamt Kapsel die therapeutische Standardempfehlung. Diese Lymphomart wurde in Verbindung mit texturierten Implantaten bestimmter Hersteller beschrieben und ist, obwohl selten, ein wichtiger Faktor in der aktuellen Nutzen-Risiko-Diskussion.
Risiken und realistische Erwartungen
Jede Operation birgt Risiken. Bei der Explantation sind das vor allem Nachblutungen, Serombildung, Infektionen und Narbenprobleme. Hinzu kommt das ästhetische Ergebnis: Das Brustgewebe hat sich über Jahre dem Implantat angepasst. Nach der Entfernung kann die Brust erschlafft, asymmetrisch oder unregelmäßig wirken. Wie stark das ausgeprägt ist, hängt von der Implantategröße, der Tragezeit, dem Hauttyp und dem Alter der Patientin ab.
Wer das Ergebnis durch eine gleichzeitige Straffungsoperation (Mastopexie) verbessern möchte, sollte das vorab klar mit dem Operateur besprechen. Diese Kombination verlängert den Eingriff und erhöht das Narkoserisiko. Für manche Patientinnen ist es sinnvoller, beide Eingriffe zeitlich zu trennen.
- Kapselfibrose (Baker Grad III/IV): häufigste medizinische Indikation
- Implantatruptur: Kontrolle per MRT empfohlen, alle zwei bis drei Jahre
- BIA-ALCL: sehr selten, aber erfordert vollständige En-bloc-Resektion
- Persönliche Gründe: keine Rechtfertigung notwendig, aber realistische Erwartungen wichtig
Patientenrechte und Aufklärungspflicht
Vor jedem elektiven Eingriff gilt in Deutschland eine umfassende ärztliche Aufklärungspflicht. Diese ist im Patientenrechtegesetz verankert und schreibt vor, dass die Patientin rechtzeitig, verständlich und vollständig über Chancen, Risiken und Alternativen informiert werden muss. Das gilt auch für kosmetische Eingriffe. Eine Aufklärung kurz vor dem Eingriff reicht rechtlich nicht aus; Gerichte fordern, dass zwischen Aufklärungsgespräch und Operation genügend Zeit bleibt, um die Entscheidung zu überdenken.
Patientinnen haben außerdem das Recht auf Einsicht in ihre Krankenunterlagen. Wer herausfinden möchte, welches Implantat genau eingesetzt wurde, kann das über den Operationsberichte und den Implantatpass nachvollziehen. Seit 2019 schreibt die europäische Medizinprodukteverordnung (MDR) eine lückenlose Rückverfolgbarkeit über eine eindeutige Implantatekennung (UDI) vor.
Wie man die richtige Klinik findet
Die Wahl des Operateurs entscheidet maßgeblich über das Ergebnis. Sinnvoll ist es, gezielt nach Chirurgen zu suchen, die nachweislich Erfahrung mit Explantationen haben, nicht nur mit Augmentationen. Die Zertifizierung als Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie ist ein erster Orientierungspunkt, ersetzt aber nicht die individuelle Einschätzung im Beratungsgespräch.
Mindestens zwei unabhängige Meinungen einzuholen ist bei einem solchen Eingriff keine Übertreibung. Wer unsicher ist, welche Fachgesellschaften in Deutschland anerkannt sind, findet auf der Seite der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften einen Überblick über Leitlinien und zertifizierte Fachgebiete. Leitliniengerechte Chirurgie ist kein Qualitätsmerkmal zweiter Klasse, sondern der aktuelle Stand medizinischen Wissens.
Eine Explantation ist eine ernst zu nehmende Operation mit realen Risiken und einem Ergebnis, das nicht immer den Erwartungen entspricht. Wer sich gut informiert, realistische Ziele hat und auf einen erfahrenen Operateur setzt, ist deutlich besser aufgestellt als jemand, der die Entscheidung überstürzt trifft. Zeit zu investieren lohnt sich hier in jedem Fall.

